Interview mit Guy Frantzen, Präsident des CIGL Bettembourg
Herr Frantzen, was verstehen Sie unter Solidarwirtschaft?
In der Solidarwirtschaft werden wichtige Dienste für die Bürger geleistet, die aus Kostengründen von Privatunternehmen nicht erbracht werden könnten. Ein gutes Beispiel ist hier der Nachbarschaftsdienst („service de proximité“) mit dem „Proxibus“, der dem Bürger direkt zugute kommt. Mit dem Proxibus wird Menschen ab 60 Jahren bei wichtigen alltäglichen Dingen Unterstützung geboten. Sie können zu geringen Kosten (Jahresbeitrag = 25 Euro) beispielsweise zum Einkaufen oder zu Besuchen in Pflegeheimen oder zu Arztterminen gefahren werden. Dabei werden sie von 2 Personen begleitet. Der Proxibus hat in nur etwas mehr als einem Jahr fast 5000 Fahrten hinter sich gebracht und beschäftigt gegenwärtig 5 Personen. Somit erlaubt die Solidarwirtschaft auch, gesellschaftlich wichtige Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, und die CIGs haben hier den Vorteil, dass die Umsetzung solcher Projekte durch die Gemeinden bzw. den Staat oft zu schwerfällig oder langwierig wären.
Ein Engagement in der Politik ist abwechslungsreich und fordernd.
Was hat Sie dazu bewegt, sich politisch einzubringen?
Ich bin spät in die Politik gegangen und erst seit 12 Jahren politisch tätig. Ich möchte in der Gesellschaft aktiv etwas bewegen, die politische Arbeit, d. h. die Gemeindepolitik bietet hier für mich die beste Möglichkeit.
Die Tätigkeit als Sozialschöffe liegt mir sehr am Herzen, da ich gerne nah am Bürger bin und mich auch an der konkreten Umsetzung der Projekte, wie zum Beispiel dem Proxibus, beteiligen möchte.
Sie sind politisch tätig und engagieren sich zusätzlich sehr im CIGL.
Welche Gründe und Anlässe gibt es hierfür?
Ich findet es vorteilhaft, gleichzeitig CIGL-Präsident und im Schöffenrat zu sein, da dies die Arbeit erleichtert und manche Wege verkürzt. Nur so kann ich Leuten, die in Not geraten, schnell helfen.
CIGL-Präsident bin ich seit nunmehr 6 Jahren, der soziale Aspekt ist für mich dabei als Teil meiner politischen Arbeit sehr wichtig. Dies ermöglicht mir hauptsächlich kurzfristig, jungen Menschen wieder eine Arbeit zu geben und zur gleichen Zeit unseren älteren Mitbürgen das Leben zu erleichtern, auch deswegen mein Engagement im CIGL.
Das CIGL Bettemburg beschäftigt heute ca. 30 Leute.
Welche Wünsche haben Sie für die künftige Entwicklung der SW im lokalen Rahmen?
Mein größter Wunsch ist, dass eines Tages jeder Mensch eine geregelte Arbeit hat und wir Solidarwirtschaft betreiben könnten, ohne dass wir hierfür zwangsläufig auf arbeitslose Mitbürger zurückgreifen müssen. Ganz konkret habe ich 2 Wünsche für die Zukunft:
Wir wollen die ältere Bevölkerung noch intensiver begleiten, damit sie unabhängig bleibt, und hier spielt auch die kulturelle Ebene eine wichtige Rolle, z. B. Theaterbesuche usw., um die Freizeit mit Geselligkeit und kulturellem Erleben zu gestalten. Zudem soll der Proxibus-Dienst für diese Bevölkerungsgruppe weiter ausgebaut und damit die Betreuung hilfsbedürftiger Menschen verstärkt werden.
Meine zweite Vision ist die Errichtung eines Lernpfades für Kinder, also eine Art Schulgarten, damit Kinder wieder mehr über Obst und Gemüse lernen.
Wie sehen Sie die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten der SW auf nationaler Ebene?
Sehr wichtig wäre es hier, dass die CIGs wieder unbefristete Arbeitsverträge vergeben oder als Ausbildungsträger fungieren könnten. Wir könnten dann selber praktische Ausbildungslehrgänge anbieten (zum Beispiel: Maurer, Gärtner oder Anstreicher). Wir benötigen zudem eine bessere Nachverfolgung von Arbeitsmarktchancen für junge Leute, die in zeitlich begrenzten Maßnahmen waren, um so unsere Lehrgänge / Formationen zu verbessern.
Es sollte auch die Möglichkeit bestehen, im Falle einer Ausbildung länger als zwei Jahre zu bleiben.
Der Ruf der Solidarwirtschaft ist im Allgemeinen nicht gut, daran muss vor allem durch mehr Aufklärung gearbeitet werden.



